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Digitalis für Digitales

veröffentlicht am 14.03.2016 von Dr. Patrick Pfeffer, Geschäftsführer der aescuvest GmbH


Wer finanziert die kleinen medizintechnischen Fortschritte und woher kommen die immateriellen Innovationen im Bereich ‘Gesundheit’? Können wir das ‘Made in Germany’ aus Einsen und Nullen neu buchstabieren? Gelingt es, einen mündigen Patienten auf Augenhöhe mit den Ärzten zu bringen?
 
Vor wenigen Tagen starb der Erfinder der E-Mail, Raymond Tomlinson. 1971 erklärte er seinen Kollegen in seiner ersten Nachricht dieser Art wozu ein ‘Klammeraffe’ nützlich sein könnte. Die wenigen Worte genügten, um eine informationstechnologische Revolution auszulösen. Was mit einer simplen Übertragung zwischen zwei direkt miteinander verbundenen Laborcomputern von einem Zimmer zum nächsten begann, vernetzt heute die ganze Welt. Scherzhaft besorgt kommentierte Tomlinson damals: „Don’t tell anyone! This isn’t what we are supposed to be working on.“, also: „Erzählt bloß niemandem davon! Das hat nichts mit dem zu tun, woran wir hier eigentlich arbeiten sollten.“

Diese Episode veranschaulicht elegant, wie es um Angestellte in vielen Unternehmen nur allzu oft bestellt ist. Natürlich gibt es kleine Anreize, um Verbesserungsvorschläge von Mitarbeitern zu belohnen. Aber echte Freiräume für Kreativität gibt es wohl nur in der Kunst und im legendären ‘Silicon Valley’. Nicht viel besser ist es um die Erfinder in Deutschland bestellt. Man versammelt sich auf kleinen Messen und hofft darauf, Bekanntschaft mit einem Vertreter der Industrie zu machen, der sich für die Idee, das Produkt oder ein Konzept begeistern lässt. Wohl unschwer ist zu erkennen, dass sich auf diesen Wegen keinerlei Dynamik entfalten kann. Hinzu kommt noch die berühmt-berüchtigte Bedenkenträgerei, vom Rest der Welt spöttisch anglisiert als ‘German Angst’. Eitelkeiten, Geheimniskrämerei, Misstrauen und protektionistischer Lobbyismus erzeugen überdies ein Klima, in dem sich verschiedenste Antagonisten gegenseitig blockieren.

Zuletzt fehlt in dieser schnellen Bestandsaufnahme nur noch die leidige Frage nach den Finanzierungsmöglichkeiten. Woher kommt das Geld zur Realisierung von Projekten? Von den Banken sicher nicht! Jeder Unternehmer aus dem Mittelstand weiß, wie man dort selbst mit enthusiastisch gefeierten Ideen und Konzepten im Regen stehen gelassen wird. Start-ups haben es noch schwerer, eine Finanzierung zu stemmen. Um an Fördermittel zu kommen, muss man sich im Dschungel der Verfahren schon sehr gut auskennen und richtig gewieft sein. Glücklicherweise reagiert der FinTech-Markt auf solche Engpässe konstruktiv. Das Crowdfunding kam aus Amerika nach Europa. Wohltätige Unterstützer und großzügige Förderer zahlten zusammen mit meist kleiner Münze in die Ideen der anderen ein. Belohnt wurden sie im Erfolgsfall mit dem fertigen Produkt, einem kleinen Dankeschön oder einer Kinokarte.

Hinter dem Crowdinvesting aber stehen handfeste Interessen. Anhand von aufwendigen Präsentationen und Businessplänen werden auf einer geeigneten Plattform Gelder von Kleinanlegern zur Realisierung der Projekte eingeworben. Zwar locken dort im Erfolgsfall weit überdurchschnittliche Renditen, gleichzeitig ist aber jeder Investor mit dem Risiko behaftet, im Falle eines Misserfolges den vollständigen Verlust  seiner Anlage hinnehmen zu müssen. Nicht umsonst hat der Gesetzgeber den zulässigen Rahmen und die zertifizierte Expertise zum Schutz der Anleger festgelegt. Der unbestritten positive Effekt dieser Finanzierungsform liegt darin, das potentiell alle Beteiligten profitieren. Die personifizierten Netzwerke und die anonyme Crowd entscheiden unabhängig voneinander, ob eine Idee überzeugt oder nicht. Es wird quasi-demokratisch abgestimmt. Wer an die Idee glaubt, zahlt ein, wer nicht, lässt es bleiben. Die Sorge, zu scheitern, verteilt sich auf viele Flügel. So fliegt der Schwarm.

Nun handelt es sich beim Thema ‘Gesundheit’ nicht um irgendeinen Markt. Dieser Sektor boomt wie kein Zweiter! Wachstumsprognosen sehen den Bedarf und die Bedürfnisse der Menschen in einer überalternden Gesellschaft rasant ansteigen. Das Gesundheitsbewusstsein, die Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität, die Vermeidung gesundheitsschädlicher Belastungen, die medizinische Versorgung, nebst organisierter Vorsorge, all das ebnet den Weg zu einer immer höheren Lebenserwartung. Altbekannte und nie dagewesene Dienstleistungen werden automatisiert, bzw. mit entsprechender Robotik verselbständigt funktionieren. Smartphones, tragbare Satelliten am Handgelenk, zahllose Apps, zivile Drohnen, virtuelle Realität und digital eingebettete Erweiterungen unserer Wahrnehmung sind aus unserem künftigen Leben nicht mehr wegzudenken. Die komplexen Zusammenhänge in der Informationstechnologie bilden mittlerweile die Basis für alle Erfindungen dieser Art. Ob Deutschland diese industriell-digitale Verwandlung zu bestehen vermag, wird sich noch zeigen. Dem Herz der Wirtschaft, damit sind vornehmlich die Unternehmen des Mittelstandes gemeint, könnte eine staatliche Förderoffensive und ein starkes politisches Bekenntnis jedenfalls helfen, echte Freiräume für Start-ups, Querdenker und Kreative zu schaffen. Das wäre sozusagen das ‘Digitalis’ für die binäre Codierung unseres weltweit bewunderten Markenzeichens ‘Made in Germany’.

Derweil erfährt auch das Internet noch laufende Zäsuren. Aktuell genügt ein Blick und Klick auf das litauische Start up-Netzwerk ‘Plag’, um zu erahnen, wie faszinierend Perspektivwechsel sein können. Die sich gegenseitig bestärkende Mündigkeit des ‘Weltbürgers’ lässt sich als Vorlage für die Entwicklung des ‘wissenden’ Patienten denken. Ein erkrankter, hilfs- oder pflegebedürftiger Mensch möchte nicht mehr einfach nur geheilt werden. Er will verstehen, was mit ihm geschieht. Er erwartet, dass seine Vorgeschichte in den Befund einbezogen wird. Er präsentiert gesammelte Daten, die eine ganzheitliche Betrachtung zu seinem gesundheitlichen Status gestatten. Er fordert selbstverständlich eine unabhängige Zweitmeinung ein, bevor die Behandlung beginnt. Er verlangt nicht nur eine verklausulierte Aufklärung zu den Risiken, die er als Patient eingeht, sondern auch, die Zusage, welche Risiken die Klinik übernimmt, wie z.B. bei der Infizierung mit multiresistenten Keimen, was trotz eines vergleichsweise banalen Eingriffs lebensbedrohliche Konsequenzen zur Folge haben kann. Mit jeder dieser Erwartungen ist man nicht mehr länger allein. Genügend andere haben sich entweder exakt mit dem gleichen Thema befasst oder bieten naheliegende Lösungen an. Neben der Vertrauensbildung des Arztes steht dann gleichberechtigt die logische Nachvollziehbarkeit von Fakten und das autonome Votum des Patienten. Wenn also die analogen Prozesse durch digitale Steuerungen ersetzt werden, ergeben sich Chancen zur Effizienzsteigerung. Beispielsweise würde ein Arzt, statt zeitraubende Dokumentationspflichten zu erfüllen, in die Lage versetzt, sich mit der gewonnenen Zeit dem Patientengespräch zu widmen. Zukunftsmusik? Eher nicht. Die rasante Beschleunigung des Wettbewerbs um den ‘Kunden’ ist nicht aufzuhalten. Das überzeugendere Konzept, die professionellere Dienstleistung, die bessere Bewertung, die höhere Ranglistenplazierung entscheidet über die Gunst des Patienten.

Dieser sich selbst verantwortende Patient ist oftmals identisch mit dem ‘mündigen’ Investor. Denn die Angebote beim Crowdinvesting zielen auch auf Anleger, die von der Thematik selbst betroffen sind, bzw. Angehörige oder Bekannte haben, die von einer medizintechnischen Lösung profitieren könnten. Dazu braucht man keinen Finanzberater, dem meistens provisionsbedingt die nötige Objektivität fehlt. Es genügt der gesunde Menschenverstand, um zu erkennen, dass eine konkrete Problemlösung Erfolg haben muss. Wenn mit solchen Investitionen auch noch Geld verdient werden darf, ist das in Zeiten von Nullrenditen, fallenden Aktienkursen, negativen Zinsen und hochspekulativen Immobilienpreisen eine sehr reelle Alternative. Nur hier sitzen Erfinder, Investoren, Patienten und Plattformbetreiber alle zusammen im selben Boot. Genau darum gilt auch der Grundsatz:

Gesundheit lohnt sich. Für jeden von uns. 
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