Blog

Die Zukunft der Pflege in Deutschland – „Der Mensch muss im Mittelpunkt bleiben“

veröffentlicht am 01.03.2018 von Torsten Anstädt im Gespräch mit Frank Schwarz, Hexagonaut für Presse & Investor Relations



 
Die Niederlande gelten als ein Pionier auf dem Gebiet der Unterstützung von Pflege durch Informationstechnologien. Die TKH Gruppe, ein Konzern, der auf Telekommunikations- und Netzwerklösungen für diverse Anwendungen spezialisiert ist, hat den Bereich „Pflege“ als einen von sieben Wachstumsschwerpunkten definiert und ist seit mehr als zehn Jahren in diesem Segment aktiv. TKH Care Solutions hat dafür das Konzept einer neuen „Pflege-Architektur“ entworfen. Torsten Anstädt ist gefragter Experte, Referent und Berater für die Digitalisierung von Pflege und Quartieren. Bei TKH Care hat er die Aufgabe übernommen, die deutschsprachigen Märkte für die Pflegelösungen des niederländischen Anbieters zu erschließen. Wir haben ihn zum Thema „Zukunft der Pflege“ befragt.
 
aescuvest: Herr Anstädt, die Herausforderungen in der Pflege sind in den westlichen Industrienationen alle vergleichbar: Die Menschen werden immer älter, die Zahl der Pflegefälle nimmt stetig zu, die Zahl der Pflegekräfte entwickelt sich hingegen unterproportional. Lässt sich der Zusammenbruch unseres Systems überhaupt noch verhindern, oder gibt es Wege aus der Krise?
 
Anstädt: Es ist offenkundig, dass ein „weiter so“ nicht angebracht ist. Diese Erkenntnis trifft allerdings auf breite Zustimmung. Zu offensichtlich ist, dass unser jetziges System zu teuer und dabei zu ineffizient ist. Gleichzeitig macht die schlechte Bezahlung und die oft hohe physische und psychische Belastung die Tätigkeit in der Pflege unattraktiv. Und weil die Betreuung der zu Pflegenden unter diesen Umständen nicht optimal ausfallen kann, haben wir eine Situation mit drei Verlierern.
 
aescuvest: Wie geht man in anderen Ländern mit diesem Thema um? Von wem könnten wir lernen, wie sich hier gegensteuern ließe?
 
Anstädt: Schauen wir zu unseren Nachbarn in die Niederlande, gilt hier zunächst einmal ambulant vor stationär: Jeder Betroffene sollte so lange wie möglich zuhause wohnen bleiben, ohne in ein Pflegeheim zu müssen. Dieser Ansatz stößt auf eine große Zustimmung. Pflegebedürftige möchten zuhause bleiben und wollen nicht entwurzelt werden. Pflegeheimplätze sind knapp, teuer und für Leistungserbringer in der Standardpflege oft gar nicht lohnenswert. Auch das Ziel der sozialen Teilhabe im Alter ist am besten im gewohnten Umfeld erreichbar.
 
aescuvest: Dieser Ansatz stößt sicher auch hierzulande auf einen breiten Konsens, aber das Problem des fehlenden Pflegepersonals ist dadurch noch nicht gelöst, oder?
 
Bei einem Fachkräftemangel von über 30.000 Pflegern in Deutschland können wir es uns nicht leisten, dass mehr als 350.000 Pfleger bei ambulanten Diensten täglich 25 % ihrer Arbeitszeit im Auto verbringen. Das ist Verschwendung! Wir müssen mit unserem Pflegepersonal viel sorgsamer umgehen. Die Wichtigkeit der Arbeitszufriedenheit der Pfleger und Betreuer darf nicht unterschätzt werden und muss ein Kernbestandteil der Lösung für das Pflegesystem sein, sonst können wir mit ambulanten Konzepten nicht die Qualität einer stationären Betreuung erreichen. Aus der Erfahrung anderer Länder sehen wir, dass Selbstorganisation, Freiräume, Teamarbeit und Entwicklungsperspektiven dazu geführt haben, dass Pflegerinnen und Betreuer wieder viel mehr Spaß und Freude bei der Arbeit hatten. Das muss auch in Deutschland gelingen.
 
aescuvest: Durch welche Maßnahmen ließe sich dieses Ziel Ihrer Meinung nach erreichen?
 
Anstädt: Wir leben in der Welt 4.0, wo Prozesse digitalisiert und neu gedacht werden, unterschiedlichste Gegenstände miteinander kommunizieren können, Dienste und Menschen miteinander vernetzt werden. Mit Hilfe des technologischen Fortschritts können wir vielen Betreuungssituation anders als heute begegnen. In den Niederlanden wurde das Konzept der Wabe entwickelt. Die Wabe ist eine lokal gut organisierte Sozialgemeinschaft, die ein Netzwerk für die Pflege und Betreuung in städtischen und ländlichen Gebieten bildet. Rund um die Uhr 24/7 ist eine Pflegekraft in der Nachbarschaft für jeden verfügbar. Dieses Konzept wollen wir auch in Deutschland umsetzen.
 
aescuvest: Welche Rolle spielt dabei der technische Fortschritt?
 
Anstädt: Die Pflege- und Betreuungswohnungen sind über moderne AAL-Hausnotrufgeräte mit dem Quartiersstützpunkt verbunden. Dabei ist der Quartiersstützpunkt ähnlich organisiert wie in einem Pflegeheim, nur das die Türen weiter auseinander stehen. Die Betreuung in der Quartiers-Wabe kombiniert die persönliche Betreuung mit einer Fernbetreuung, zum Beispiel über Video-Telefonie oder auch mit Hilfe des Pflegepflasters von MOIO, das sich sehr gut in unsere Plattform integrieren ließe. Das Pflegepersonal ist im Team für die Nachbarschaft verantwortlich. Lange Autofahrten entfallen, Auch durch die Fernbetreuung entsteht insgesamt ein intensiverer Kontakt für Klienten und Pflegerinnen. Beide werden zufriedener.
 
aescuvest: Was bedeutet das hinsichtlich der Kosten?
 
Anstädt: Die Vernetzung und der Einsatz digitaler Helfer erfordern natürlich Investitionen. Für die Kostenträger werden diese aber durch Einsparungen in anderen Bereichen, beispielsweise beim Wegegeld kompensiert. Die Situation mit drei Verlierern lässt sich also in eine Win-Win-Win-Konstellation umwandeln.

aescuvest: Sie verfügen durch die Aktivitäten der TKH Gruppe in den Niederlanden über eine langjährige Erfahrung in Bezug auf die technische Unterstützung in der Pflege, haben sich die Ansätze im Laufe der Zeit verändert?
 
Anstädt: Die TKH Gruppe adressiert seit rund zehn Jahren den Pflegemarkt. Die Erfahrungen reichen jedoch bis in die 90er zurück. Wir können also auf eine ziemliche Lernkurve zurückblicken. Einige Dinge klingen heute ziemlich trivial, dennoch sehen wir, dass sie bei vielen Entwicklungen nicht berücksichtigt werden. Vor 30 Jahre war die Idee vorherrschend, älteren Menschen durch Automatisieren der Haushalte das Leben vereinfachen zu können. Es stellte sich schnell heraus, dass diese oft vergaßen, dass Ihnen Helfer zu Verfügung standen, oder dass sie diese schlichtweg nicht bedienen konnten. Es gibt nicht „den Ansatz“, sondern die Notwendigkeit, für unterschiedliche Betreuungssituationen unterschiedliche Lösungen parat zu haben und diese mit persönlicher Betreuung zu verknüpfen. Deshalb haben wir mit CareView eine technologische Plattform aufgebaut, welche technologische Angebote und Dienstleister ganzheitlich integriert.
 
aescuvest: Wie lautet Ihr Fazit in Bezug auf Digitalisierung in der Pflege?

Anstädt: Digitalisierung ist nicht das Allheilmittel gegen den Pflegenotstand. Aber digitale Lösungen sind integrale Bestandteile von umfassenden Quartiers-Konzepten, die uns dabei helfen können, die bestehenden Herausforderungen zu bewältigen. Bei allen Ansätzen sollte der Mensch als Betreuer und Betreuter im Mittelpunkt bleiben.
 
aescuvest: Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Anstädt.
 
 
P.S.: Interessenten am Thema „Digitale Vernetzung eines Quartiers“ empfehlen wir den Besuch der Veranstaltung „Quartier im Dialog“ des Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung in NRW am 15.03. in Düsseldorf.

Zurück

Newsletter-Anmeldung

Glossar

Fremdkapital

Fremdkapital sind Gelder, die einer natürlichen oder auch juristischen Person zeitlich befristet überlassen wurden und deren Überlassung mit Zinsen vergütet wird.


Alle Begriffe

Gesundheit lohnt sich.
Für jeden von uns.