Blog

Das Silver Surfer Start-up

veröffentlicht am 07.09.2017 von Frank Schwarz, Hexagonaut für Presse & Investor Relations



Der typische Berliner Gründer ist 25 - 30 Jahre alt, hat Wirtschaftshochschule oder Unternehmensberatung frisch verlassen und sorgt mit seinem Algorithmus für eine Disruption des Marktes. So weit das Klischee.
Professor Dr. Wolfgang Kehr, 74 Jahre alt, Mediziner von Hause aus, fällt da mit seinem Biopharmazie-“Start-up” epinamics ein wenig aus dem Rahmen.
 
63, der Ruhestand naht, juchee! Im Spätsommer des Lebens packte Wolfgang Kehr nach drei Jahrzehnten Erfahrung als hochrangiger Manager bei Schering nochmals das Gründerfieber. Seitdem entwickelt der ehemalige Mitarbeiter eines Medizin-Nobelpreisträgers in einem kleinen Team in Berlin und Potsdam ein patentiertes, weltweit einzigartiges Wirkstoffpflaster zum Aufsprühen, das bei Parkinson und Alzheimer neue Therapieansätze verspricht. Mit seinem hochspezialisierten Start-up epinamics peilt er einen Multimillionen-Markt an – und lässt hippe Gründer alt aussehen: Kehrs Berliner Vier-Mann-Unternehmen mit Laboren auf dem BioTech-Campus in Potsdam-Hermannswerder entwickelt ein weltweit einzigartiges Wirkstoffpflaster zum Aufsprühen namens Liqui-Patch. Als patentierte Plattform-Technologie ist Liqui-Patch etwa bei Parkinson und Alzheimer einsetzbar.

Been there, done that

Als Pharma-Manager kann man nicht viel mehr erreichen als Professor Dr. Kehr. 35 Jahre verbrachte der gebürtige Göttinger, der seit 1970 in Berlin lebt, in der pharmazeutischen Industrie. Anfang der 70er Jahre forschte er in Göteborg an der Seite von Arvid Carlsson, der für seine Untersuchung der Wirkung von Dopamin als Neurotransmitter und bei Parkinson im Jahr 1999 den Medizin-Nobelpreis erhalten hat. Danach übernahm Kehr für fünfeinhalb Jahre die globale Forschung bei Schering, später die strategische Geschäftseinheit Onkologie und Dermatologie. Als Vice President im Bereich Business Development und als Leiter des Therapeutika-Geschäfts wirkte er zwischen 1996 und 2003 bei der Schering-Tochter Berlex Laboratories in den USA. Ein Mann mit viel Erfahrung und internationalen Kontakten.
 
2005 wurde Scherings Dermatologie-Tochter Intendis ausgegründet und von Kehr geführt, insgesamt wurden binnen eines halben Jahres weltweit 13 Tochterfirmen errichtet, die 600 Mitarbeiter beschäftigten. Kehr weiß also, wie man skaliert. Es lief sehr gut, die Umsätze zogen massiv an, vielleicht auch, weil hier ein Mediziner am Ruder war und nicht wie früher in der Pharma-Branche üblich, ein Chemiker. Zwei Jahre danach jedoch übernahm Bayer die Schering AG und verlagerte den Fokus. Die Ausgründung von Intendis war quasi die Generalprobe für epinamics und hielt eine wertvolle Lektion bereit. “Man muss sich auf ein Feld beschränken, wenn man wachsen will. Und wenn man nachhaltig wachsen will, muss man Forschung und Entwicklung stärken”, so Kehr.

Aus dem Leben eines Startuppers – jeder macht alles

Kehr erkennt jedoch das Potenzial der Intendis-Technologie. Er entschließt sich, die Gunst der Stunde zu nutzen, Schering zu verlassen und auf eigene Faust durchzustarten – mit 63 Jahren. Das von Intendis im Jahr 2005 eingereichte Patent für die dermale und transdermale Verabreichung von Wirkstoffen erwarb er schließlich von Bayer 2009 gemeinsam mit dem Toxikologen und Neuropharmakologen Hans-Michael Thiede, der ebenfalls bereits 1970 bei Schering begann. Somit war die ursprünglich 2006 von Patrick Franke gegründete Firma epinamics – ein Kofferwort aus “Epidermis” und “Dynamics” – startklar.
 
Heute widmen sie sich zu viert und verstärkt durch eine Erasmus-Studentin neben der chemisch-pharmazeutischen und klinischen Entwicklung auch Bereichen, für die ihnen zuvor ganze Abteilungen zur Verfügung standen: Patentwesen, regulatorische Planung und Aufbau von Lizenz-Partnerschaften. Im Sinne des “Lean-Start-up”-Ansatzes ist das Team bewusst klein gehalten; alles, was andere kostengünstiger erledigen können, wird ausgelagert. Beispielsweise könnte ein so kleines Team die Good-Manufacturing-Practice-Vorgaben der Pharma-Industrie – also die Richtlinien der Qualitätssicherung – gar nicht gewährleisten. Das muss epinamics auch gar nicht, denn in der Branche hat sich bereits vor Jahren eine Arbeitsteilung zwischen Konzernen und Start-ups herauskristallisiert: Für die Innovation sind kleine unabhängige, wendige Teams verantwortlich, die dann von den vertriebsstarken Konzernen übernommen werden oder als Lizenzgeber fungieren.
 
Kehrs und sein Partner Thiede gehen dabei noch etwas weiter und widmet sich nicht nur Therapie-, sondern auch Diagnosemöglichkeiten, sie betreiben also Grundlagenforschung. Unbeirrt stehen Kehr und seine Mitstreiter daher Tag für Tag im Labor. “Es geht darum, diese neuartige Technologie so vielen Patienten wie möglich zugänglich zu machen. Ich bin Mediziner, das ist mein Job”, sagt Kehr. Bei allem jugendlichen Drive, den sich die Gründer bewahrt haben, machen sie sich bereits über eine Unternehmensnachfolge Gedanken. Ewig arbeiten will niemand, der Enkelkinder hat.

Vereinbarung mit brasilianischem Arzneimittelhersteller

Und die harte Arbeit zahlt sich aus. Jüngst hat epinamics eine Partnerschaft mit dem brasilianischen Arzneimittelhersteller Libbs Farmaceutica geschlossen, der Liqui-Patch zur Behandlung von Alzheimer zunächst in Brasilien – der mit 207 Millionen Einwohnern fünftgrößten Nation der Welt – und anschließend im gesamten südamerikanischen Raum einführen möchte. Libbs Farmaceutica ist eines der führenden brasilianischen forschenden Pharma-Unternehmen, beschäftigt 2.500 Mitarbeiter und verfügt über ein Portfolio von 90 Marken. Der weltweite Umsatz mit dem Alzheimer-Wirkstoff Rivastigmin beträgt ca. 1 Mrd. € im Jahr.

Auch bei der Finanzierung mit der Zeit gehen

Trotz Patenten und weltweitem Potenzial hätten es Gründer, die mit Maschinen-Codes und Algorithmen hantieren, vermutlich leichter, Wagniskapital zu bekommen als solche, die den Schwachstellen des Genoms zu Leibe rücken. Digital-Unternehmen können schnell skalieren – verfügen aber selten über Patente, die den technologischen Vorsprung sichern könnten. Medizin-Produkte hingegen sind komplex, institutionelle Investoren halten sich seit der Finanzkrise mit Venture Capital zurück. Prof. Kehr, der mit seinen Mitgründern aus eigenen Mitteln bereits über eine Million Euro in epinamics investiert hat, ficht das nicht an. Er denkt so modern wie jeder Gründer mit Kapitalbedarf und bietet Anlegern an, sich ab 250 Euro über aescuvest direkt an epinamics zu beteiligen. Ganz nebenbei wird seine Firma dadurch bekannter. Mit dem Kapital sollen zwei klinische Studien finanziert werden, die dem Markteintritt eines transdermalen Parkinsonprodukts sowie eines transdermalen Sprühpflasters zur Behandlung der Alzheimer Demenz vorausgehen sollen.
 
Zurück

Newsletter-Anmeldung

Glossar

Treuhandkonto

Ein Treuhandkonto ist die Bezeichnung für ein Konto, dass von einem Dritten für eine andere Person treuhänderisch verwaltet wird. Der Treuhänder verwaltet die Gelder nur im Sinne des Auftraggebers. Bei Insolvenz des Treuhänders fällt das Vermögen auf dem Treuhandkonto nicht in dessen Vermögensmasse.


Alle Begriffe

Gesundheit lohnt sich.
Für jeden von uns.